Pareto-Prinzip und Pareto-Diagramm

Veröffentlicht am 26. Februar 2026

So finden Sie die „wenigen wichtigen“ Ursachen für 80% der Wirkung

 Das Pareto-Prinzip (80/20-Regel) beschreibt: In vielen Situationen verursachen wenige Hauptursachen den größten Teil der Auswirkungen. Für Lean- und Six-Sigma-Projekte heißt das praktisch: Erst die größten Hebel identifizieren – dann gezielt verbessern, statt „überall ein bisschen“.  

In diesem Artikel erfahren Sie:

  • was hinter dem Pareto-Prinzip steckt (und was nicht)
  • woher die 80/20-Idee historisch kommt
  • warum die Paretoanalyse im DMAIC-Zyklus besonders in der Define-Phase so wertvoll ist
  • wie Sie ein Pareto-Diagramm Schritt für Schritt erstellen und korrekt lesen
  • typische Anwendungsfälle, Fehler und eine kompakte Checkliste für die Praxis
   

Was ist das Pareto-Prinzip – und was ist es nicht?

Das Pareto-Prinzip ist eine Priorisierungslogik: Es hilft, die wichtigsten wenigen Ursachen von den vielen weniger wichtigen zu trennen. Es ist kein Naturgesetz und keine „Erlaubnis“, nach 80% Verbesserung aufzuhören es zeigt vor allem, wo Sie anfangen sollten. In der Praxis beobachten wir häufig: Wenn Sie Ursachen nach Häufigkeit oder Schaden sortieren, konzentriert sich ein großer Teil des Problems auf wenige Kategorien. Genau diese Kategorien sind der beste Startpunkt, um mit begrenzter Zeit und begrenzten Ressourcen spürbare Wirkung zu erzielen. Wichtig: Die Zahlen 80/20 sind eine Faustregel. Manchmal ist es 70/30, 90/10 oder auch 60/40. Der Nutzen bleibt: Fokus durch Daten.   

Woher kommt das Pareto-Prinzip ursprünglich?

Der Name geht auf Vilfredo Pareto zurück, einen italienischen Ökonomen. Er beobachtete bei der Analyse von Vermögens- und Grundbesitzverteilungen, dass ein kleiner Teil der Bevölkerung einen großen Teil des Vermögens besaß. Spannend ist: Der Ursprung liegt nicht im Management, sondern in der Volkswirtschaft. Später wurde die Beobachtung als allgemeines Muster für Ungleichverteilungen in vielen Systemen interpretiert – und als pragmatisches Werkzeug in Qualitätsmanagement, Projektarbeit und Prozessoptimierung übernommen.   

Warum ist die Pareto-Idee in Projekten so entscheidend?

Weil sie Fokus schafft – und Fokus ist die knappste Ressource in komplexen Projekten. Ohne klare Prioritäten verpuffen Verbesserungsmaßnahmen oft in „viel Aufwand, wenig Wirkung“. Gerade im Lean- und Six-Sigma-Umfeld sind Projekte häufig datenreich und ursachenkomplex. Wer versucht, „alles gleichzeitig ein bisschen“ zu verbessern, verteilt Energie so breit, dass an keiner Stelle genug Wirkung entsteht. Pareto hilft hier, eine Kernfrage sauber zu beantworten: Welche wenigen Ursachen treiben den Großteil des Problems?   

Wo setzt man die Paretoanalyse im DMAIC-Zyklus ein?

Typischerweise wird die Paretoanalyse sehr früh eingesetzt – besonders in der Define-Phase von DMAIC. Ziel ist dort: das Hauptproblem klar abzugrenzen, statt mehrere Themen zu vermischen. DMAIC ist der klassische Six-Sigma-Verbesserungszyklus:
  • Define (Problem & Ziel sauber definieren)
  • Measure (Daten erheben)
  • Analyze (Ursachen analysieren)
  • Improve (Verbessern)
  • Control (Stabilisieren)
 Warum so früh? Weil eine unscharfe Problemdefinition fast immer zu einer unsauberen Ursachenanalyse führt – und damit das gesamte Projekt gefährdet. Der Grundsatz aus der Praxis lautet nicht umsonst: „Ein Problem nach dem anderen.“   

Was ist ein Pareto-Diagramm?

Ein Pareto-Diagramm ist ein absteigend sortiertes Balkendiagramm, ergänzt um eine kumulierte Prozentlinie. Es macht sichtbar, welche Kategorien den größten Anteil am Gesamtproblem haben – und wo die „Hauptursachen“ liegen. Die Balken zeigen typischerweise Häufigkeiten (z.B. Fehlerarten, Beschwerden, Störungen). Die Linie zeigt die kumulierte (aufsummierte) Wirkung in Prozent.   

Wie erstellt man ein Pareto-Diagramm Schritt für Schritt?

Sie erstellen ein Pareto-Diagramm, indem Sie Kategorien zählen, absteigend sortieren und anschließend die kumulierten Prozentwerte ergänzen. Damit sehen Sie auf einen Blick, welche wenigen Kategorien den größten Anteil verursachen.  

Schritt-für-Schritt-Anleitung

 
  1. Daten sammeln: Definieren Sie klar, was gezählt wird (z.B. Fehler pro Woche oder Kundenbeschwerden pro Monat).
  2. Kategorien bilden: Beispiel: „Kratzer“, „Maßabweichung“, „Fehlbohrung“, „Lackfehler“, „Sonstiges“.
  3. Häufigkeiten zählen: Jede Kategorie erhält eine Anzahl.
  4. Absteigend sortieren: Häufigste Kategorie ganz links.
  5. Prozentanteile berechnen: Anteil je Kategorie = Anzahl / Gesamt.
  6. Kumulierte Prozentlinie ergänzen: Kumuliert = Summe der Anteile von links nach rechts. (Diese Linie wird oft als kumulierte Kurve dargestellt.)
   

Beispiel: Pareto-Diagramm-Daten in Tabellenform

So erkennen Sie die 80%-Grenze am zuverlässigsten: über eine einfache Tabelle mit kumulierten Prozenten. Das ist oft schneller und weniger fehleranfällig als „nur optisch“ im Diagramm zu schätzen. Beispiel (Gesamt = 100 Fälle):
Tabelle zur Pareto-Analyse mit Fehlerkategorien, Häufigkeit, Prozentanteil und Rang (Kratzer, Maßabweichung, Fehlbohrung, Lackfehler, Sonstiges).
Interpretation:Bis einschließlich „Fehlbohrung“ sind 80% der Fälle erklärt. Das sind hier 3 von 5 Kategorien – also die „wenigen wichtigen“, auf die sich das Team zuerst konzentriert.   

Wie liest man ein Pareto-Diagramm richtig?

Sie lesen es, indem Sie die kumulierte Kurve bis ca. 80% verfolgen und dann prüfen, welche Balken links davon liegen. Diese Balken sind Ihre prioritären Ansatzpunkte – dort sitzt meist der größte Hebel. Praktisch heißt das:
  • Links stehen die größten Verursacher.
  • Die kumulierte Linie zeigt, wann Sie z.B. 80% erreicht haben.
  • Alles links von diesem Punkt sind die ersten Maßnahmenkandidaten.
 Wichtig: „80%“ ist ein typischer Richtwert. In manchen Branchen (z.B. Sicherheit, Medizinprodukte, Luftfahrt) kann eine andere Schwelle sinnvoll sein entscheidend ist die risikobasierte Entscheidung.
Pareto-Diagramm zu Fehlerkategorien in der Fertigung: Kratzer, Maßabweichung, Fehlbohrung, Sonstiges und Lackfehler mit kumulierter Prozentlinie.

Wo funktioniert das Pareto-Prinzip besonders gut?

Besonders gut funktioniert Pareto überall dort, wo Probleme wiederkehrend auftreten und kategorisierbar sind. Typische Beispiele sind Qualitätsfehler, Beschwerden, Störungen, Nacharbeit, Lieferprobleme oder Prozessabbrüche. 
Praxisnahe Einsatzfelder (branchenübergreifend):
  • Produktion & Qualität: häufigste Fehlerarten, Nacharbeitsgründe, Ausschussursachen
  • Service & Callcenter: Top-Beschwerdegründe, Rückrufursachen, lange Bearbeitungszeiten
  • IT & Betrieb: häufigste Incident-Typen, Hauptursachen für Ausfälle, wiederkehrende Tickets
  • Einkauf & Beschaffung: ABC-Logik (ähnlicher Gedanke) zur Priorisierung von Lieferanten/Materialgruppen
  • Verwaltung & Prozesse: häufigste Rückfragen, Medienbrüche, Antragsablehnungsgründe
  • Gesundheitswesen: häufigste Verzögerungsursachen, häufigste Dokumentationsfehler (immer kontext- und risikobewusst)
   

Welche typischen Fehler sollten Sie bei der Paretoanalyse vermeiden?

Der häufigste Fehler ist, Pareto als Abkürzung für „80% reichen zu missverstehen. Pareto ist ein Startpunkt für Fokus – keine Zieldefinition für Qualität. 
Häufige Stolperfallen aus der Praxis
  • Unklare Kategorien: Wenn „Sonstiges“ riesig ist, ist die Kategorisierung zu grob.
  • Mischen von Ursachen und Symptomen: „Zu spät“ ist oft ein Symptom; „fehlende Kapazitätsplanung“ eher eine Ursache.
  • Falscher Zählmaßstab: Häufigkeit zählt, aber manchmal ist Schaden/Kosten/Risiko wichtiger als reine Anzahl.
  • Zu frühes Interpretieren: Erst sauber zählen, dann deuten – nicht umgekehrt.
  • Einmalige Momentaufnahme: Bei stark schwankenden Prozessen brauchen Sie genügend Daten über Zeit.
   

80

% Verbesserung reicht

oder muss es 100

% sein?

Ob 80% Verbesserung genug ist, hängt vom Kontext ab: intern wirtschaftlich vs. extern sicherheitskritisch. Pareto beantwortet nicht „Wann aufhören?“, sondern „Wo anfangen?“. Ein praktikabler Denkrahmen:
  • Interne Prozessprobleme: 80% Reduktion kann wirtschaftlich sehr sinnvoll sein, wenn die letzten 20% unverhältnismäßig teuer wären.
  • Kunden- oder sicherheitsrelevante Qualität: 20% Restfehler können inakzeptabel sein (Kosten, Sicherheit, Vertrauen). Hier ist Pareto trotzdem nützlich, um schnell die größten Brocken zu entfernen danach folgt Feinarbeit.
   

Checkliste: Paretoanalyse in der Praxis sauber umsetzen

Wenn Sie diese 10 Punkte erfüllen, ist Ihre Paretoanalyse in der Regel belastbar genug für Entscheidungen. Sie vermeiden damit die typischen „schönen Charts, falsche Schlüsse“-Fallen. 
  1. Problem & Zeitraum klar definiert (Was zählt? Wann?)
  2. Kategorien logisch, trennscharf und vollständig
  3. „Sonstiges“ bewusst klein gehalten oder nachkategorisiert
  4. Datenquelle verlässlich (gleiche Zählregeln für alle)
  5. Absteigende Sortierung korrekt
  6. Prozentanteile korrekt berechnet
  7. Kumulierte Prozente korrekt berechnet
  8. Interpretation dokumentiert (Warum sind das die Hauptursachen?)
  9. Maßnahmen auf die Top-Kategorien fokussiert (nicht auf „Lieblingsideen“)
  10. Nach Umsetzung erneut messen (vorher/nachher – Wirkung belegen)
   

Do’s & Don’ts für Projektteams

 Do: Nutzen Sie Pareto, um Diskussionen zu objektivieren – Daten vor Meinung. Don’t: Nutzen Sie Pareto nicht, um unangenehme Restprobleme zu ignorieren, wenn Risiko oder Kundeneffekt hoch ist. Do
  • nach Häufigkeit oder Schaden priorisieren (je nach Ziel)
  • Kategorien mit Prozessverantwortlichen abstimmen
  • Ergebnisse in der Define-Phase nutzen, um Scope sauber zu schneiden
 Don’t
  • Pareto ohne saubere Datengrundlage „schätzen“
  • Ursachenanalyse überspringen („Top-Kategorie = Ursache“ ist nicht automatisch richtig)
  • nur einmal messen und dann dauerhaft als Wahrheit behandeln
   

Fazit: Warum Pareto ein „Must-have“-Werkzeug bleibt

Die Paretoanalyse ist eines der effizientesten Werkzeuge, um Komplexität zu reduzieren und den größten Hebel zu finden. Richtig eingesetzt, verhindert sie das häufigste Projektproblem: zu viele Themen gleichzeitig – und zu wenig messbare Wirkung. Gerade in LEAN- und SIX-SIGMA-Ausbildungen gehört das Pareto-Diagramm deshalb zum Handwerkszeug: Es macht Prioritäten sichtbar, sorgt für Klarheit – und schafft die Basis für saubere, datenbasierte Entscheidungen.

 

FAQ zum Pareto-Prinzip und Pareto-Diagramm

 

Ist die 80/20-Regel immer exakt 80/20?

Nein. 80/20 ist eine Faustregel für Ungleichverteilungen. Entscheidend ist nicht die exakte Zahl, sondern dass wenige Kategorien einen großen Anteil erklären und damit Prioritäten ableitbar sind. 

Was mache ich, wenn mein Pareto-Diagramm keine klare „Top-20 %“-Gruppe zeigt?

Dann ist das ein wichtiges Ergebnis: Ihr Problem ist möglicherweise breiter verteilt oder Ihre Kategorien sind zu grob/zu fein. Prüfen Sie die Kategorisierung, den Zeitraum und ob ein anderer Maßstab (Kosten/Risiko statt Häufigkeit) sinnvoller ist. 

Pareto-Diagramm: Häufigkeit oder Kosten – was ist besser?

Beides kann richtig sein. Für Qualitätskosten, Risiko und Kundeneffekt ist „Kosten/Schaden“ oft relevanter als reine Anzahl. Für Prozessstabilität oder Ticketfluten kann Häufigkeit der bessere Start sein. 

Was ist der Unterschied zwischen Paretoanalyse und ABC-Analyse?

Beide priorisieren nach „wenigen wichtigen“. Die ABC-Analyse wird häufig in Beschaffung/Lager/Materialwirtschaft genutzt (Wert/Volumen), die Paretoanalyse breiter in Problem- und Ursachenpriorisierung (Fehler, Beschwerden, Störungen etc.). 

Wie viele Kategorien sind sinnvoll?

Als Faustregel: so viele wie nötig, so wenige wie möglich. Wenn Sie 20–30 Kategorien haben, wird es oft unübersichtlich; wenn Sie 3 Kategorien haben und „Sonstiges“ riesig ist, ist es zu grob. 

Wo liegt der häufigste Denkfehler bei Pareto?

Dass man glaubt, mit 80 % Verbesserung fertig zu sein. Pareto hilft vor allem beim Start und beim Fokus ob und wie weit weiter optimiert wird, entscheidet der Kontext (Kunde, Risiko, Wirtschaftlichkeit). 

Wann sollte man Pareto nicht verwenden?

Wenn Ereignisse selten sind, aber extrem hohe Schäden verursachen (Safety, Compliance, Produktsicherheit, Security). Dann ist eine risikobasierte Priorisierung (z. B. FMEA-Logik) oder ein gewichtetes Pareto mit Risikoscore sinnvoller als ein Häufigkeits-Pareto.

 

Autorin & Expertise

Cindy Heinzemann | Q-LEARNING
Cindy Heinzemann
Training, Coaching, KursentwicklungDank ihrer langjährigen und umfassenden Erfahrung in der Leitung von LEAN- und SIX SIGMA-Projekten sowie im Coaching begleitet Cindy Heinzemann unsere Teilnehmenden zielgerichtet durch die Kurse. Mit ihrem fundierten Fachwissen und ihrer positiven Art versteht sie es, theoretische Inhalte mit praxisnahen Erfahrungsberichten zu verbinden und dadurch den Lernerfolg zu gewährleisten. Als zertifizierte Nachhaltigkeitsmanagerin (TÜV) liegt es ihr sehr am Herzen, die Zukunftsfähigkeit für Neuentwicklungen oder Verbesserungen von Produkten und/oder Prozessen als Selbstverständlichkeit zu berücksichtigen und somit nachhaltige Lösungen zu gewährleisten.

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