Kanban: Mehr als nur Zettelwirtschaft – Wie Sie Prozesse in jedem Bereich optimieren
Vom chaotischen Lager zum agilen Team
1. Das Kernprinzip: Warum Ihr Büro wie ein Supermarkt funktionieren sollte
Das Push-Prinzip (Drücken):
Dies ist die traditionelle Methode. Die Produktion wird auf der Grundlage von Prognosen gestartet. Man produziert, was man in Zukunft zu brauchen glaubt, und „drückt“ das Material durch die Prozesskette. Das Ergebnis sind nicht nur hohe Lagerbestände und gebundenes Kapital, sondern auch große Schwankungen des Umlaufbestandes (Work-in-Progress), die den gesamten Prozess unberechenbar machen. Das Pull-Prinzip (Ziehen):
Kanban kehrt diese Logik um und funktioniert wie ein Supermarkt. Ein Supermarkt füllt ein Regal erst dann wieder auf, wenn ein Kunde ein Produkt entnommen hat. Übertragen auf Prozesse bedeutet das: Ein nachgelagerter Arbeitsschritt „zieht“ sich Material oder eine Aufgabe erst dann, wenn tatsächlich Bedarf besteht und Kapazität frei ist. Der Impuls für jede Aktivität kommt vom Ende der Kette – vom Kunden. Der Materialfluss wird somit vollständig vom kundenseitigen Prozessende gesteuert und führt zu kleinen, beherrschbaren Schwankungen im Umlaufbestand.
2. Eine Lektion aus der Geschichte: Taiichi Ohnos riskantes Experiment
3. Die vier Säulen für ein erfolgreiches Kanban-System
Säule 1: Stabile und effiziente Prozesse
Die Prozesse, die durch Kanban gesteuert werden sollen, müssen zuverlässig und geglättet (Heijunka) laufen. Eine zentrale Kennzahl zur Bewertung ist die Gesamtanlageneffektivität (OEE – Overall Equipment Effectiveness). Als Richtwert gilt ein stabiler OEE von über 80 %. Ein OEE, der zwischen 60 % und 95 % schwankt, ist ungeeignet. Einbrüche in der Anlagenverfügbarkeit führen bei minimalen Puffern unweigerlich zum Lieferabriss. Säule 2: Die richtigen Materialien auswählen
Nicht jedes Teil eignet sich für eine Kanban-Steuerung. Ideal sind Materialien mit möglichst konstanter Entnahme und sicherer Prognose. Um diese zu identifizieren, nutzt man die ABC-/XYZ-Analyse. In der Praxis bedeutet das: AX-, AY- und BX-Teile sind ideal für Kanban. CX- und BY-Teile sind bedingt geeignet und erfordern eine genaue Prüfung. Alle Z-Teile (mit unregelmäßigem, azyklischem Verbrauch) sowie CY-Teile sind für eine Kanban-Steuerung ungeeignet und erfordern andere Methoden wie eine bedarfsgesteuerte Bestellung. Säule 3: Qualität als oberste Priorität
In einem Pull-System mit minimalen Puffern gibt es keinen Platz, um Mängel zu verstecken. Ein fehlerhaftes Teil, das in den Prozess gelangt, erzeugt nicht nur Nacharbeit – es kann den gesamten Wertstrom zum Stillstand bringen. Qualität ist hier kein bloßes Ziel, sondern eine nicht verhandelbare Voraussetzung. Deshalb lautet die eiserne Regel: Keine Fehler annehmen, keine Fehler machen, keine Fehler weitergeben. Säule 4: Disziplin und Akzeptanz im Team
Kanban funktioniert nur, wenn sich alle Beteiligten strikt an die definierten Regeln halten. Disziplin ist hier kein Selbstzweck. Jede „am System vorbei“ produzierte Einheit ist eine Form der Überproduktion, die das Pull-Signal entwertet und das System zurück in den ineffizienten Push-Modus zwingt. Es ist entscheidend, Mitarbeiter aktiv einzubinden, das „Warum“ zu erklären und aus Betroffenen beteiligte Gestalter des Systems zu machen. 4. Kanban in der Praxis: Von der Softwareentwicklung bis zur Fast-Food-Kette
Im agilen Projektmanagement
In der Softwareentwicklung sind Kanban-Boards nicht mehr wegzudenken. Arbeitspakete aus dem „Backlog“ (dem Aufgabenspeicher) werden als Karten visualisiert. Diese wandern über Spalten wie „Zu erledigen“, „In Arbeit“ und „Erledigt“. So wird der Arbeitsfluss transparent gesteuert, Engpässe werden sichtbar und das Team wird vor Überlastung geschützt. In der Systemgastronomie
Fast-Food-Ketten nutzen Kanban-Prinzipien, um ihre Lieferketten zu optimieren. Von den Zutaten im Lager bis zur Zubereitung der Burger wird der Nachschub durch den tatsächlichen Verbrauch am Tresen gesteuert. So wird sichergestellt, dass immer frische Zutaten in der richtigen Menge verfügbar sind, ohne dass es zu teurer Verschwendung durch Überlagerung kommt. In der Büroadministration
Auch im Büro lässt sich Kanban einfach umsetzen. Ein klassisches Beispiel ist das Zwei-Behälter-System für Büromaterial wie Druckerpapier. Es gibt zwei Stapel. Sobald der erste Stapel aufgebraucht ist, wird er zur Nachbestellung gegeben. Der zweite Stapel dient als Puffer, bis die Lieferung eintrifft. Der leere Platz des ersten Stapels ist hier das klare Kanban-Signal: „Bestelle nach!“ Fazit: Fangen Sie klein an und denken Sie im Pull-Prinzip
Cindy Heinzemann
Training, Coaching, KursentwicklungDank ihrer langjährigen und umfassenden Erfahrung in der Leitung von LEAN- und SIX SIGMA-Projekten sowie im Coaching begleitet Cindy Heinzemann unsere Teilnehmenden zielgerichtet durch die Kurse. Mit ihrem fundierten Fachwissen und ihrer positiven Art versteht sie es, theoretische Inhalte mit praxisnahen Erfahrungsberichten zu verbinden und dadurch den Lernerfolg zu gewährleisten. Als zertifizierte Nachhaltigkeitsmanagerin (TÜV) liegt es ihr sehr am Herzen, die Zukunftsfähigkeit für Neuentwicklungen oder Verbesserungen von Produkten und/oder Prozessen als Selbstverständlichkeit zu berücksichtigen und somit nachhaltige Lösungen zu gewährleisten.